Wie bekomme ich mehr Erfolg?

Erschienen im Ca:st-Mag 2/19

Foto: Leonardo DiCaprio mit seinem Oscar

Wie bekomme ich mehr Erfolg?

Mit dieser mehr oder weniger klar ausgedrückten Frage kommen ja oft Schauspieler
zu mir. Ich gebe die Frage dann immer zurück: Was ist denn Erfolg für Dich?
Und da kommen die meisten schon ins Stottern. Entweder trauen sie sich nicht,
„Geld“ oder „Fame“ zu sagen, oder sie haben schlichtweg keine Ahnung, was sie
wollen. Das ist beides nicht besonders konstruktiv.

Wenn Dir jemand auf Deine Frage nach mehr Erfolg sein Erfolgskonzept präsentiert,
dann kannst Du schon mal davon ausgehen, dass dieser Mensch Dir etwas verkaufen
will. Denn es gibt kein allgemein gültiges Erfolgsrezept.
Also nochmal von vorne. Was ist Erfolg für Dich?
Wenn Du Schauspieler bist oder sein willst, dann gehe ich davon aus, dass Du
Künstler bist. Oder zumindest künstlerische Neigungen hast. Ein Künstler möchte der
Welt seine Originalität hinterlassen. Ein Künstler hat eine kindliche Freude an allem
Neuen, mit seinen Partnern, an allem Ungewöhnlichen und an jedem Ausdruck seiner
Einzigartigkeit. Es geht einem Künstler nicht unbedingt um den Inhalt oder das
Medium seiner Kunst. Ein Künstler verspürt Lust und Freude daran, Elemente
miteinander zu kombinieren und etwas Neues zu erschaffen. Wahre Künstler oder
Schauspieler sind keine Re-Teller, also Nacherzähler, sondern sie wollen ihre
ureigene Interpretation eines Sujets manifestieren.
Als angehender Schauspieler brauchst Du natürlich Handwerk. Optimal ist eine
fundierte Ausbildung, aber learning by doing ist für mich genauso viel wert. Es geht
ja auch darum, dass Du lernst, Dich durchzusetzen. Dass Du in einem Team bestehen
kannst. Denn Schauspielerei ist immer Teamarbeit.
Langjährige Schauspieler sehnen sich oft nach einem Neustart und haben
Erfolgspläne. Das ist schön. Aber willst Du Gott zum Lachen bringen, dann zeige
ihm Deine Pläne! Denn es kommt erstens anders und zweitens als man denkt. Oder
wie Mark Twain sagt: „Prognosen sind eine schwierige Sache. Vor allem, wenn es um
die Zukunft geht.“
Die meisten vergessen einen viel wesentlicheren Punkt:
Wer bin ich? Was ist mein Kern? Wer will ich sein?
Es darf auch dauern, bis Du diesen Kern findest. Es gibt kein A + B = C.
Ein Werdegang ist viel subtiler und sieht im Rückblick auch immer logischer aus als
er sich anfühlt. Setze Dir Etappenziele. Es braucht auch seine Zeit, bis man neue
Erkenntnisse verdaut hat.
Was Dein Kern ist, lehrt Dich entweder schon früh das Leben oder ein Mentor. Ein
Mentor ohne emotionale Abhängigkeiten. Für Nicole Kidman war das Susan Batson,
für James Dean war das Elia Kazan. Sie haben es geschafft, mittelmässige
Schauspieler in der Kunst so ehrlich werden zu lassen, dass sie heute legendär sind.
Du musst wissen, wer Du bist. Mit all Deinen Stärken und Schwächen. Das ist
wahres Selbst-Bewusstsein. Das ist es, was Du Deinem Publikum schenkst. Was gibt
es Schöneres, als für das, was man wirklich ist, anerkannt zu werden? Und nicht für
das, was man nicht ist.
Und dann gibt es nur noch eine Richtung: Nach vorne. Keine Ahnung, in welche
Richtung Dein „nach vorne“ geht! Mach Dich in Deiner Arbeit sichtbar. Informiere
Dich und folge Deiner Intuition! Mach Dir keinen Erfolgsdruck, sondern mach das,
was Dir Freude bereitet. Bilde Deine Arbeit ab und verbreite sie. Arbeite als Model,
als Moderator, spiele im Off-Theater, in Kurzfilmen, in Demoszenen, halte Lesungen,
dreh eine Webserie, einen Werbefilm, eine Mockumentary – was auch immer Du
willst! Oder mit den Worten von Florian David Fitz: „Solange Du Deine Seele
mitnimmst, kannst Du alles machen.“
Du musst natürlich auch Geld verdienen. Da musst Du klar priorisieren: Ist das eine
Arbeit fürs Geld, für die Kunst oder für Beziehungen? Einer der drei Punkte ist völlig
ausreichend. Du darfst nur in keinem der drei Punkte hängen bleiben. Denn erst dann
kannst Du Dein eigentliches Ziel erreichen: Geld und Kunst.
Als Künstler muss es Dich drängen: „Wo kann ich noch mehr von mir zeigen? Wo
sehen mich noch mehr Leute?“ Natürlich ist ein Künstler nie vollends zufrieden mit
seiner Arbeit – aber es gibt immer ein neues Projekt, eine neue Chance, besser zu
werden. Dafür musst Du wach sein, Augen und Ohren offen halten, ansprechbar und
erreichbar sein und vor allem Zeit dafür haben. Und auf Dein Bauchgefühl hören.
Klingt nach einem Allgemeinplatz, aber was sind Deine Prioritäten? Lebst Du Deine
Prioritäten oder die Prioritäten anderer?
Einem Künstler kann das Medium seines Ausdrucks egal sein. Max von Thun
kümmerte sich, als er Vater wurde, vor allem um seinen Sohn. Dann hat er ihm
Lieder vorgesungen und ihm Geschichten erzählt – die sind als Kinderbuch
erschienen und er ist damit sehr erfolgreich. Oder Palina Rojinski: Sie ist eigentlich
ausgebildete Tänzerin und stolperte mit einem scripted-reality-Format ins Schauspiel.
Dann wurde sie Moderatorin, DJane, Jurymitglied, ist Influencerin und hat nun ihren
eigenen Podcast. Sie ist eine wahre Künstlerin, weil nur sie die einzigartige Palina ist.
Gerade hat sie eine Hauptrolle in einen Kinofilm mit Elyas M´Barek gedreht.
Und müssen es denn für Dich wirklich der Kinofilm und der Oscar sein? Das ist nicht
besonders einfallsreich. Erdogan Ataly dreht seit 23 Jahren Cobra11 – damals
schmunzelte man über die neue RTL-Serie. Heute ist er einer der bestverdienendsten
Schauspieler Deutschlands und bei jeder neuen Folge auf den Punkt und neugierig. Er
hat sein Lebenswerk geschaffen.
Also was ist Erfolg für Dich? Wenn Du das weisst, dann kannst Du Dein Ziel mit
verbundenen Augen treffen.

Wie werde ich authentisch?

Erschienen im Ca:st-Mag 3/19

Foto: Charlize Theron in MONSTER

„Sei einfach Du selbst“ ist der beste und dümmste Tipp, den man dazu bekommen kann. Denn ja, natürlich wäre es wünschenswert, einfach man selbst in den gegebenen Umständen der Szene sein zu können. Nur sind am Set ungefähr 20 Leute um einen rum, die man nicht kennt, und die einem zuschauen! Wie soll man da ungeschützt man selbst und authentisch sein?

Deshalb muss man sich selber austricksen, um glaubwürdig zu sein. Denn man muss sich ja einerseits den natürlichen Selbstschutz am Set bewahren und andererseits persönliche Geheimnisse vor der Kamera preisgeben.

Klar kann man alles „perfekt“ machen. Aber das perfekte Bild, das Du gerne von Dir hättest, interessiert keine Sau und berührt niemanden. Als Schauspieler muss man den Mut haben, sich auch in unpässlichen Momenten zu zeigen. In emotionalen Zuständen, die privat niemand anderes sehen dürfte. Susan Batson nennt das den „Private Moment“ – der Moment, der selbst dem Zuschauer peinlich ist, weil er so ehrlich und intim ist. Es geht um die Authentizität der Figur im alltäglichen Leben – so wie Du privat unter Kollegen, Freunden oder mit der Familie wärst. Nur dass am Set eben die 20 Leute dabei sind und es danach vielleicht Millionen sehen

Auf Knopfdruck authentisch zu sein, ohne generisch zu werden, ist nicht einfach. Die Rolle schützt Dich und Deine Wahrheit. Nur muss eben auch die Rolle authentisch sein, damit sie als Schutzschild funktioniert. Und um das zu erreichen, kenne ich eigentlich nur 3 Möglichkeiten:

 

1. Public Persona
Viele Schauspieler sind vor und hinter der Kamera gleich. Sie haben für sich eine Persönlichkeit, eine Public Persona, geschaffen, mit der sie gut fahren und ankommen. Damit sind sie eine „Marke“ und sie „sind halt einfach so“. Damit fällt es leichter, vom Set-Gequatsche auf die Szene umzuschalten. Man surft quasi ständig auf der Rolle, die man auch im Alltag spielt. Die Schauspielkunst solcher Schauspieler liegt darin, sich mit ihrer Vorstellungskraft in unterschiedliche Szenarien hineinzuversetzen, mit „What if?“. Spielen tun sie immer nur sich selbst, bzw. die Rolle, die sie sich für ihr Leben ausgesucht haben. Für diese Herangehensweise ist die Lehre von Ivana Chubbuck besonders hilfreich – was will ich erreichen? Was ist meine Objective? Wozu möchte ich mein Gegenüber manipulieren? Ich habe grossen Respekt vor solchen Schauspielern, denn sie haben sich eine Public Persona kreiert und kennen sich und diese Rolle so gut, dass sie sie jederzeit abrufen können und dabei authentisch sind. Solche Schauspieler beobachten sich ständig selbst in ihrem privaten Leben und können diese Erkenntnisse wunderbar vor die Kamera transponieren. Der Nachteil dieser Herangehensweise ist, dass solche Schauspieler vor der Kamera selten überraschend sind, da sie sich immer innerhalb ihrer Public Persona bewegen. Und sie zahlen den hohen Preis, dass sie nie wirklich privat sind, sondern auch im Privatleben immer eine Rolle spielen.

 

2. „Von innen nach aussen“

Diese Herangehensweise entspricht sehr dem frühen Stanislavski, Lee Strasberg, Uta Hagen und Susan Batson. Ähnlich wie bei der Public Persona geht der Schauspieler hier von sich aus. Nur geht hier die Selbstforschung über die Grenzen einer Public Persona hinaus. Weiter in die Tiefe und in die Vergangenheit – „Wann und mit wem und wo habe ich so etwas schon einmal erlebt?“ (Es reicht übrigens schon ein Schluck Kaffee um zu wissen, wie eine ganze Kanne schmeckt – man muss in einer Rolle als  Mörder also niemanden umgebracht haben.) Hier benutzt man die Techniken, also Parameter wie Emotional Memory, Personalisations und einen Place. Je genauer und spezifischer man sich in diese erlebten Situationen zurückversetzt, desto authentischer wird das Spiel. Dank dieser Parameter ist es auch jederzeit wiederholbar. Das erfordert Vorarbeit für den Dreh – die Parameter müssen passend ausgewählt und verinnerlicht werden. Die Haltung und das Verhalten (also die Szenen-actions) müssen in der Probe zuhause angespielt werden. Der Text wird durch Subtexte vertieft. Je exakter diese Vorarbeit und Übung ist, desto spezifischer und authentischer wird das Spiel und umso flexibler und unabhängiger wird man von Spielpartnern und den Umständen am Set. Der Nachteil ist, dass man – vor allem bei unangenehmen Erinnerungen –  retraumatisiert wird und alte, unangenehme emotionale Zustände wieder hochkommen. Wenn man sie im Spiel auflösen kann, ist das ungefährlich. Aber nicht jedes Drehbuch oder jede Rolle lässt das zu. Deswegen ist es sehr wichtig, Psychohygiene zu betreiben und sich aus diesen Zuständen wieder bewusst rauszuholen.

 

3. „Von aussen nach innen“

Statt sich auf seine eigenen Gefühle oder auf eine ähnliche, selbst erlebte Geschichte zu konzentrieren, kann man sich seine Rolle auch von aussen ansehen:

Welchen sozio-ökonomischen Hintergrund hat diese Figur? Welche Haltung? Welche Sprechweise? Was für eine Kleidung? Was für einen Alltag? Man recherchiert kleinste Details der Figur und diese Informationen geben Dir klare Leitlinien, wie diese Figur agiert. Wenn Du alles über die Rolle weisst, dann gibt es auch nur noch eine Option, wie diese Figur handelt und die ist immer authentisch. Oder wie Meryl Streep sagte: „Ich denke jeden Gedanken der Figur durch, dann ist der Weg frei für die Intuition.“ Ein weiteres Beispiel dafür ist Stella Adlers Schüler Marlon Brando, der zig Rollen vom Proll Stanley Kowalski über Napoleon bis hin zum Paten gespielt hat. Und trotzdem war er immer Marlon! Durch seine Recherche und Übungen für die Rolle war er immer absolut authentisch und erfüllte die Rolle dann mit seiner Lebendigkeit. Authentizität wird quasi ein Nebeneffekt. Darauf haben sich der späte Stanislavski, Meyerhold und Stella Adler spezialisiert. Auch ich habe – wie jeder Coach der etwas auf sich hält – eine eigene Technik entwickelt, die Avatar-Technik. Danach wird die Rolle bis in kleinste Details visualisiert und dann schlüpft man faktisch in diese Rolle wie in einen Avatar. Man belebt diesen Avatar mit der eigenen Lebendigkeit.

Wenn man über das „von aussen nach innen“ seine Rolle wirklich kennt, dann kann man nur das tun, was die Rolle tun würde – und das ist immer authentisch. Die Rolle führt Dich und nicht Dein Ego die Rolle. Der Nachteil dieser Technik ist natürlich viel Arbeit. Ein Coach sollte Dir möglichst viel von dieser Arbeit abnehmen.

Diese 3 Wege sind ein Garant für Authentizität. Natürlich kann eine Rolle auch ein Konglomerat verschiedener Herangehensweisen sein. Man spielt ja moment-by-moment und für jeden Moment gibt es den für Dich am besten geeigneten Zugang zur Authentizität. Man muss nur konsequent sein. Wischi-Waschi-Arbeit ergibt auch Wischi-Waschi-Ergebnisse. Für viele Produktionen mag das reichen, befriedigend ist das allerdings nicht. Wenn Du spielst, dass Du die Figur bist, dann bist Du die Figur nicht. Dann bist Du nicht authentisch, sondern ein Schauspieler, der einen Schauspieler spielt. Diese 3 Wege sind aber die Einstiegspforten dafür, dass Du Dich selber so gut manipulieren kannst, dass Du die Rolle nicht vorführst, sondern die Figur in diesem Moment bist.

Die Diskriminierung schwuler Schauspieler

Erschienen im Bffs-Schauspiegel 1/19

Foto: Max Rhyser

Niemals einen Schwulen für eine schwule Rolle besetzen
von Matthias Beier

Es ist eine Tatsache, dass schwule Schauspieler eine diskriminierte Minderheit sind. Diese
Diskriminierung war einer der Gründe, warum ich mich als Schauspieler zurückgezogen habe.

Film und vor allem Fernsehen bilden die Gesellschaft ab. Deshalb frage ich mich, in was für einer
Gesellschaft wir in Deutschland leben. Denn diese Gesellschaft ist unser Publikum. Da ich
optimistisch bin, würde ich behaupten, dass wir in einer positiv-dynamischen Zeit des Übergangs
vom Patriarchat ins Matriarchat leben. Noch haben wir nicht die völlige Gleichstellung von Mann
und Frau erreicht, aber trotz reaktionärer Kräfte glaube ich, dass dieser Wandel nicht aufzuhalten
ist. Aber egal ob Patriarchat, Matriarchat oder Gleichberechtigung – wir leben in einer
heteronormativen Gesellschaft. Das heisst, Heterosexualität gilt als die soziale Norm und
Homosexualität wird zwar weitgehend geduldet, aber eben nicht vollends für gut befunden.

Warum ist das so? Unsere westlichen Werte basieren auf dem Christentum. Im Alten Testament ist
Homosexualität eine Sünde und darauf stand die Todesstrafe. Wir befinden uns in einer Zeit des
Wandels und dieser macht selbst vor den Kirchen nicht halt: Papst Franziskus entschuldigte sich
für die Diskriminierung Homosexueller, die evangelische Kirche spricht ihre liberale Haltung und
Segnung gleichgeschlechtlicher Paare aus. Aber der Stachel der jahrtausendelangen
Stigmatisierung sitzt tief im allgemeinen Unterbewusstsein. Das nenne ich Homophobie. Noch
2017 stimmten Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer gegen die „Ehe für alle“ unter
Berufung auf das christliche „C“ der CDU. Die Abgeordneten der SPD, Linken und Bündnis 90/Die
Grünen stimmten geschlossen dafür.

Mein schwuler Spielpartner war das Gegenteil meines Beuteschemas und es wäre mir leichter
gefallen, eine Frau zu küssen.

Die Homophobie steckt also unbewusst oder sogar bewusst immer noch tief in unserer
Gesellschaft – unserem Publikum. Deswegen verstehe ich zwar die Entscheidungen von
Caster*innen, Regisseur*innen, Redakteur*innen, Produzent*innen und auch Kolleg*innen, aber
ich respektiere sie nicht.

Das grundsätzliche Misstrauen und die damit verbundenen Vorurteile der Menschen in unserer
Branche sind die eine Sache. Das Absprechen der Eignung offen schwuler Schauspieler für
heterosexuelle Rollen ist aber eine ganz andere:

Erstens unterschätzen vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Zuschauer – kein Wunder,
dass die Jugend zu Streamingdiensten abwandert. Dort spielt die private sexuelle Orientierung
keine Rolle. Und haben die Öffentlich-Rechtlichen keinen Bildungsauftrag? Und zwar nicht mit
klischeehaften schwulen Rollen, sondern mit offen schwulen Schauspielern in heterosexuellen
Rollen?

Ich bereue meine Lüge, weil ich Grenzen hätte setzen können, weil ich ehrlich zu mir selbst
gestanden wäre, weil ich noch mehr jungen schwulen Männern und vor allem Kollegen ein Vorbild
hätte sein können und weil ich gegen Diskriminierung gehandelt hätte.

Zweitens ruft mich die Unkenntnis der Kunst des Schauspiels innerhalb der Branche als Coach auf
die Barrikaden: Spätestens seit der Einführung des Handwerks der „sexual chemistry“ durch die
internationale Schauspiel-Koryphäe Ivana Chubbuck kann ein guter Schauspieler eine
Liebesszene mit einer Mülltonne spielen! Die Frage ist also nicht die sexuelle Orientierung eines
Schauspielers, sondern ob er ein guter Schauspieler ist. Ergo sind die ungeouteten, schwulen
Schauspieler verdammt gute Schauspieler. Warum trauen sich diese verdammt guten
Schauspieler nicht, sich zu outen? Es wird ihnen wegen der Fans, der Quote, des Ticketverkaufs
abgeraten – also letztlich für den Profit der Branche. Diese Fahrt auf Sicht ist allerdings wenig
visionär: Das Publikum von morgen, ist mit dem Internet aufgewachsen und weiß besser mit
Homosexualität umzugehen als seine Eltern. Ich habe als schwuler Junge auch für
Schauspielerinnen geschwärmt – einfach, weil sie gut waren und toll aussahen. Warum sollte es
dem heterosexuellen Teenie-Mädchen mit schwulen Schauspielern anders gehen?

Egal, ob schwul oder nicht-schwul: Schauspieler*innen lösen in ihren Rollen gesellschaftliche
Konflikte als „Rollenbilder“ auf. Als öffentliche Person schenken sie den Menschen Bewusst-Sein
und sind ein Vorbild dafür, wie man ein Leben leben kann. Und das verfolgen 10, 100, 1000, 100
000, 1 000 000 Menschen. Schauspieler*innen sind eine Projektionsfläche und Vorbild zugleich.

Wir Schwulen sind eine nicht reproduktive Gruppe der Bevölkerung. Die vedischen Sanskrit-
Schriften weisen dieser Bevölkerungsgruppe besondere Aufgaben zu – ihnen wurde grundlegende
Nähe zu künstlerischen und spirituellen Tätigkeiten nachgesagt. Sie waren Gäste an Höfen und in
Palästen und wurden zur Unterhaltung oder für Lehrtätigkeiten eingestellt. Ist das nicht, was
Schauspieler*innen ausmacht? Vielleicht sollten wir ein bisschen über das Christentum hinaus
schauen: Die vedische Kultur bestand ausdrücklich auf das Vorhandensein von Nicht-
Heterosexualität. Das traditionelle indische Recht verurteilt bis heute Ehebruch bei
Heterosexuellen wesentlich strenger als sexuelle Vergehen unter Homosexuellen. Da zitiere ich
gerne meinen englischen Coach-Kollegen Giles Foreman in Bezug auf heterosexuelle, männliche
Schauspieler: „I pitty them, because they have less fun!“ Oder sinngemäß mit den Worten des
tibetischen Meditationslehrers Chögyam Trungpa zum Thema Homosexualität: „Es geht zwischen
Menschen nicht um die Form ihres Körpers, sondern um die Form ihrer Beziehung.“ Oder – weil
wir ja Deutsche sind – mit Schiller: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts
Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Wie auch immer: Wäre Homosexualität
kein Tabu mehr, wäre die Welt friedlicher und glücklicher.

Der nächste prominente junge schwule Schauspieler zwischen 20 und 40, der sich outet, wird
deutsche Filmgeschichte – wenn er sehr gut ist.

Was können wir konkret gegen die Diskriminierung tun? Ich möchte uns Schwule nicht zu Opfern
machen und um öffentlich geleitete Inklusion bitten. Aber ich rufe jeden Einzelnen auf, sehr
bewusste Entscheidungen zu treffen.

Mir hat mal ein prominenter Klient, den ich gecoacht habe, gesagt, dass er schwulen Kollegen
nicht empfehlen würde, sich zwischen 20 und 40 zu outen. Er hat Recht und er hat Unrecht.

Recht hat er, weil es sicher einfacher ist, mit dem Strom zu schwimmen. Unrecht hat er, denn
welchen Wert hat materieller Erfolg, wenn ich dabei als Künstler meine Authentizität verkaufe? Ich
weiss noch, dass ich, als ich eine durchgehende schwule Serienrolle gespielt habe, in einem
Interview auf die Frage, ob ich selber schwul sei, gelogen habe. Das bereue ich bis heute. Nicht,
weil ich mich nicht in der Produktion geoutet habe – im Gegenteil: Mein schwuler Spielpartner war
das Gegenteil meines Beuteschemas und es wäre mir leichter gefallen, eine Frau zu küssen.
Sondern weil ich in dem Interview einfach hätte sagen sollen. „Darüber möchte ich nicht
sprechen.“ Das ist das Recht eines jeden Schauspielers, nicht über sein Privatleben zu sprechen.
Lustigerweise sagte mir der sehr etablierte und übrigens ebenfalls homosexuelle Caster der mich
für diese schwule Rolle vorschlug, er „würde niemals einen Schwulen für eine schwule Rolle
besetzen“. Nun, da hat er sich wohl selbst widersprochen. Ich bereue meine Lüge, weil ich
Grenzen hätte setzen können, weil ich ehrlich zu mir selbst gestanden wäre, weil ich noch mehr
jungen schwulen Männern und vor allem Kollegen ein Vorbild hätte sein können und weil ich gegen
Diskriminierung gehandelt hätte.

Und noch aus einem weiteren Grund hatte mein prominenter Klient Recht: Schauspieler müssen
bezüglich aller Geschlechterrollen versatil sein. Ich erinnere an die Mülltonne. Wenn ein
heterosexueller Mann keine Beziehung zu einem Mann spielen kann oder ein schwuler
Schauspieler keine Beziehung zu einer Frau – dann sind sie einfach schlechte Schauspieler! In der
Außenwirkung muss ein Schauspieler immer zugänglich wirken – für Männer wie für Frauen. Was
er privat für Vorlieben hat, ist seine Sache. Und ob er darüber sprechen will erst recht.

Nun ist die Außenwirkung ja mehr oder weniger intelligent steuerbar. Branchenintern ist das
komplizierter: Während uns entsprechende Caster*innen, Regisseur*innen, Redakteur*innen und
Produzent*innen – egal was sie zu uns sagen – immer hinter vorgehaltener Hand diskreditieren
oder diskriminieren können, passiert das am Set oder auf der Probebühne unmittelbar und
unvermittelt. Es kann uns egal sein, was über uns gesprochen wird, denn was zählt, ist die
Wirkung beim Publikum. Nicht egal darf uns allerdings jegliche Diskriminierung unter Kolleg*innen
sein – und sei sie noch so flapsig oder unterschwellig. Die müssen wir benennen, verurteilen und
unterbinden. Auch wenn sie uns dann als Spaßbremsen bezeichnen, Diskriminierung ist ein
Ausdruck von Macht und von Machtmissbrauch. Daher gilt die Regel: Nur Minderheiten dürfen
Witze über ihre Minderheit machen.

Ich schliesse mit dem Thema „bewusste Entscheidungen“ zum Outing oder nicht: In den Nuller-
Jahren habe ich noch keinem gewünscht, der erste Lemming zu sein. Heute ist das anders, das
Rad der Zeit dreht sich nach vorne. Aber wir wissen alle aus den Geschichtsbüchern, dass sich
das Rad auch zurückdrehen kann. Deswegen müssen wir es am Laufen halten. Jeder Einzelne
von uns auf seine Art. Ich wage es vorauszusagen: Der nächste prominente junge schwule
Schauspieler zwischen 20 und 40, der sich outet, wird deutsche Filmgeschichte – wenn er sehr gut
ist.