The new Public Persona

Ich persönlich begrüsse, dass die Öffentlichkeit näher an die öffentliche Person heranrückt. Ich wünsche mir sogar, dass das öffentliche Bewusstsein durch den Waschbrettbauch hindurch weiter ins Innere vorrückt. Vielleicht kommen irgendwann die Zeiten, in denen die innere Haltung, das innere Gleichgewicht und die Spiritualität einer öffentlichen Person entscheidend sind. Das wäre meine Traumvision einer besseren Welt. Bis dahin suchen wir alle den passenden Grad der Übereinstimmung zwischen öffentlicher Persönlichkeit und Privatperson in der digitalen und der realen Welt. Wir erkämpfen uns unseren digitalen Status und wir werden sicherlich einige digitalen Behauptungen aufgrund unserer realen Grenzen nicht einhalten können. Das macht aber nichts – denn das führt nur zu der Einsicht und Selbsterkenntnis, für die wir im realen Leben von echten Menschen geliebt werden.

Aber der Reihe nach: Der durchschlagende Welterfolg der 90er-Jahre-Werbekampagne mit Kate Moss https://www.youtube.com/watch?v=E3t8cJmGFa0 oder https://www.youtube.com/watch?v=gtE0-7wDjM0 – die von der Bullyparade grossartig verarscht wurde https://www.youtube.com/watch?v=DFSzx4DFGwQ – zeigt, dass der Grundgedanke „Just be“ gar nicht so dumm war. Wir befinden uns im Zeitalter der digitalen Revolution, in dem PR, Bilder und public personas wichtiger sind denn je.

Links Mark Wahlberg und Kate Moss

Gleichzeitig ist der Zuschauer rein technisch nun unendlich viel näher am Schauspieler dran, als noch zu Theater- oder Hollywoodzeiten: Beginnend mit den Paparrazzi in den 90ern, Facebook in den Nuller-Jahren, dem Mikrobloggingdienst Twitter ab 2006, sowie der audiovisuellen Plattform Instagram in den Zehner-Jahren rückte das Publikum näher als eine virtuelle Gemeinschaft zusammen. Jede Privatperson hatte damit ein öffentliches Profil und musste sich zwangsläufig selbst mit Öffentlichkeit und Privatem auseinandersetzen. Digital konnte sich nun auch jede Privatperson wie ein Star fühlen. Und mit kommerziellen Dating-Plattformen wie Tinder (2012) und Grindr (2009) wurde sogar die eigene Sexualität profiliert und veröffentlicht. Mit youporn (ab 2006) oder cam4 (ab 2007) konnte man selbst das Intimste veröffentlichen, Geld verdienen und ein Plattform-Star werden. Für Personen des öffentlichen Lebens bedeutete dies eine riesige Konkurrenz und erzwang ihre weitergehende Exposition – die Öffentlichkeit erhob Anspruch auf das Ptivatleben öffentlicher Personen. Marlene Dietrich war wie so oft eine visionäre Vorreiterin und inszenierte „private Bilder“ schon in den 1930er-Jahren.

Marlene Dietrich „privat“ in Hollywood

Damals gab es noch keine Smartphones und die von ihr mitbegründeten, aufwändig gestalteten und lancierten Star-Kampagnen in den Printmedien gerieten im Zuge der Digitalisierung in den Hintergrund. Printmedien kämpfen heute schon lange ums Überleben. Eine Verkörperung des Übergangs der „alten“ in die „neue“ Zeit ist Nicole Kidman. Mit Print und Filmen ist sie gross geworden, heute postet sie spontan auf Facebook und bekommt 10.000 likes, auf Instagram 100.000 likes. Das entspricht heute mit nur einem spontanen Bild die damalige gesamte Printauflage des Magazins für das sich damals Marlene Dietrich „privat“ inszenierte. Wenn David Beckham („nur“ ein Sportler) mit einem Famililenbild auf Facebook 200.000 likes und über Instagram 2 Millionen likes bekommt, dann sind nun endgültig alle alten Dimensionen gesprengt. Vor der digitalen Revolution wurden Filme und Theateraufführungen monatelang geprobt oder aufgenommen, Fotostrecken aufwändig konzipiert und tagelang fotografiert. Heute ist alles ein Klick mit dem Smartphone.

Das ist keine Kritik an der Digitalisierung, kein Ersehnen alter Zeiten oder ein Klagelied über verlorene Werte. Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Die humanistischen Werte haben sich auch nicht verändert – ihre Darstellungsweise dafür umso radikaler. Sieht man sich den materiellen und zeitlichen Aufwand früherer Wertedarstellungen und Image-Kampagnen an, so könnte man von einer „Entmaterialisierung“ sprechen. Früher musste ein Mann Schlachten schlagen und gewinnen, um als Held anerkannt zu werden. Es wurden Villen, Palais und Schlösser gebaut, um den sozialen Status zu unterstreichen. Sportler mussten Weltmeisterschaften gewinnen, Politiker Mauern öffnen und Schauspieler mindestens Richard III. im Burgtheater geben oder in legendären Filmen wie „Endstation Sehnsucht“, „Jenseits von Eden“, „Taxi Driver“ oder „Titanic“ die Hauptrolle spielen. Heute schafft es ein Männermodel wie Jon Kortajarena Redruello mit einem Bild auf Instagram im Schnitt auf 60.000 likes zu kommen. Ja, er machte Karriere als Model für Armani, Cavalli, Guess und Mango und spielte auch eine (nicht gerade schwierige) Nebenrolle in Tom Ford´s „A Single Man“ neben Colin Firth. Trotzdem steht seine Öffentlichwirksamkeit in keinerlei Relation zu seinem Schaffen. Was ist es dann, wofür er so berühmt und erfolgreich ist?

Jon Kortajarena Redruello

Sein Charisma, seine Mentalität, seine Lebenseinstellung, kurz seine „energy“ sind auf all seinen Bildern und in Videoclips zu spüren. Er braucht keine Reden zu halten oder ein Buch zu schreiben. Unsere auf schnellen Konsum orientierte Generation hätte weder Zeit noch Lust, ganz zu schweigen von dem nötigen Bildungshintergrund, eine lange Rede oder ein philosophisches Buch zu studieren. Kortajarena schafft es, die Quintessenz einer langen Rede oder eines Buches zu verkörpern und auszustrahlen. Sein Gesicht und sein Körper bilden seine Lebensweise ab. Alle Fragen an ihn beantworten sich mit einem Blick auf seine Bilder wie von selbst: „Just be“.

Erklärt sich nun die sozio-kommunikative Bedeutung des Calvin Klein-Kampagnen-Slogans? Natürlich hat auch Kortajarena eine public persona, die er nicht 24/7 einhalten kann, aber in der Öffentlichkeit erfüllen muss. Ich stehe nicht auf Kortajarena und bin auch kein crazy Fan von ihm. Mich fasziniert nur dieses Phänomen, eine öffentliche Persönlichkeit ohne belegbare Verdienste sein zu können. Und er ist nur einer von vielen. Es gibt unzählige andere männliche oder weibliche Beispiele. Ich wünschte mir diese Öffentlichkeitswirkung und dieses verkörperte Statement für Schauspieler. Gerade deutsche Schauspieler verstecken sich hinter politischer Korrektheit und vergessen durch ihre Verkopftheit ihre Aufgabe als öffentliche Personen Leitbilder zu sein und wundern sich dann, dass prollige C-Promis oder irgendwelche Kardeshians ihnen die Aufmerksamkeit ihres eigentlichen Publikums stehlen. Deswegen breche ich dieses Phänomen gerne weiter für Euch Schauspieler herunter.

Marylin Monroe „privat“

Spätestens seit dem Medium Film rückte die Öffentlichkeit näher an die Schauspieler heran. Ein close-up ist nuneinmal etwas viel Intimeres als eine Theaterbühne. Marylin Monroe und Lady Di sind Ikonen und tragische Beispiele für das Einbeziehen der Medien in das Privatleben einer öffentlichen Person. Und das war noch vor der digitalen Revolution! Heute sind wir nun alle dank des Internets mehr oder weniger glässerne Menschen. Nicht nur ein Geheimdienst, sondern jeder IT-Spezialist kann all unsere Gewohnheiten und Neigungen belegen, jeder Follower unsere Lebenseinstellung. Ich sehe schon an einem Facebookprofil, ob ein Schauspieler schwul ist oder eine Schauspielerin ein leichtes Mädchen. Die Caster sehen das übrigens auch. Aber pfeift darauf, „just be“!

Steht zu Eurer unfreiwilligen Public Persona und nehmt die Verantwortung dafür selbst in die Hand! Durch Bilder und Videos bis ins engste Privatleben hinein lässt sich ein Status nicht mehr einfach nur behaupten – man muss ihn leben. In den 80er-Jahren war man mit einer Vokuhila-Matte und einer Lederjacke schon ein heisser Typ – siehe David Hasselhoff in „Knight Rider“. In den 90ern bei „Baywatch“ musste er allerdings schon an seiner Figur arbeiten. Pamela Anderson war blond, hatte grosse Brüste und war damit ein Star. Heute ist eine Frau mit Schönheits-OPs unglaubwürdig oder eine Prostituierte. Frau muss mindestens Yoga können und sich vegan ernähren. Ein junger Mann ist ohne Waschbrettbauch und definierter Figur in der Medienbranche bereits ein Aussenseiter. Eine Frau ohne Superfood-Kenntnisse oder akademischen Hintergrund ein Internet- Flittchen. Genau das ist es, was ich mit „die Öffentlichkeit rückt einem näher“ meine. Um einen Waschbrettbauch zu haben , muss man den Waschbrettbauch leben: 6 Tage die Woche trainieren, kaum Alkohol oder Kohlenhydrate, kein Junkfood.

Sina Martens im Focus

Und damit hört es noch lange nicht auf: Als Vegetarier postet man vegetarische Essensbilder, als Bio-Fan Kampagnen gegen Massentierhaltung, als Liberaler Anti-Afd-Posts oder humanistische Botschaften, als Nachhaltiger trägt man keine menschen- oder umweltfeindlich produzierten Klamotten, als sozialer Mensch postet man Freunde und Familienbilder (auf keinen Fall nur Selfies, das würde Einsamkeit bedeuten), als Gutverdiener Urlaubsbilder von Traumlocations, als kultureller Mensch Museums- und Theaterbilder, als arbeitender Schauspieler Set-Bilder, als erfolgreicher Schauspieler Pressefotos von Galas oder mit anderen Promis. Dass man sein Leben im Griff hat, zeigen entspannte Selfies in der eigenen Wohnung.

Dass man total locker ist, zeigen witzige Bilder mit gut aussehenden Freunden untertags oder beim Ausgehen abends, Gym-Fotos dagegen beweisen Disziplin. Es ist heute ein 24h-Job eine öffentliche Persönlichkeit zu sein. Und wenn man diese public persona nicht wirklich ist und lebt, setzt eine wirklich krankhafte Schizophrenie ein, wie man sie täglich erlebt: Die Glaubwürdigkeit der digitalen public persona zerbricht beim ersten Kennenlernen des echten Menschen. Überlegt Euch deshalb gut, welche Rolle Ihr als public persona spielen wollt – denn ihr müsst sie durchhalten und tragen.

Oleg Tikhomirov bei der Kostümprobe

So gesehen gibt es nur zwei Optionen: 1. Just be oder 2. der Rückzug aus den digitalen Medien und die Trennung zwischen Öffentlichkeit, Arbeit und Privatem. Je konsequenter der Rückzug ins Private ist, desto besser und höherwertiger muss die Arbeit sein, um erfolgreich zu sein und zu bleiben. Ein positives Beispiel für diese strikte Trennung zwischem Privaten und Beruflichem ist meine Klientin Sina Martens. Sie liefert derart fundierte und gute Arbeit auf der Bühne des Berliner Ensembles ab, dass sie ihre public persona gar nicht bis ins Private mit hinein nehmen muss. Bei öffentlichen Veranstaltungen tritt sie als die grossartige Theaterschauspielerin auf, die sie ist und äussert sich in Interviews zu ihren ihr wichtigen Themen: Kulturelles und Soziales.

Zuversichtlich stimmt mich, dass es hierzulande auch positive Beispiele von Schauspielern gibt, die noch nicht derart etabliert sind. Und stolz bin ich, dass auch dieses Beispiel ein Klient von mir ist: Oleg Tikhomirov. Ich kenne ihn privat genauso gut wie sein Profil auf digitalen Netzwerken. Und er ist im realen Leben tatsächlich wie das Bild, das er publiziert. Er spielt auf der Bühne und im Film mit derselben Energie wie sie von seinen posts impliziert wird. Sein Beziehungsstatus ist klar und bleibt so privat, wie er auch unter Freunden intim bleiben würde. Ganz offensichtlich bilden sein Gesicht und sein Körper seine Lebenseinstellung und Lebensweise ab. Er versteckt sich nicht hinter politischer Korrektheit und äussert parteiunabhängig klar seine politische Meinung, welche er auch lebt und im Gespräch vertritt. Er bekommt im Schnitt vielleicht nicht wie Kortajarena oder David Beckham 100.000 likes auf Instagram, sondern nur 100. Aber dafür ist er glücklich. Er hat nichts zu verstecken und geniesst die relative Anonymität, eben noch kein Star zu sein. Das wird sich bald ändern. Aber er hat den Grundstein dazu gelegt, für immer der bleiben zu können, der er wirklich ist.

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