Wie werde ich authentisch?

Erschienen im Ca:st-Mag 3/19

Foto: Charlize Theron in MONSTER

„Sei einfach Du selbst“ ist der beste und dümmste Tipp, den man dazu bekommen kann. Denn ja, natürlich wäre es wünschenswert, einfach man selbst in den gegebenen Umständen der Szene sein zu können. Nur sind am Set ungefähr 20 Leute um einen rum, die man nicht kennt, und die einem zuschauen! Wie soll man da ungeschützt man selbst und authentisch sein?

Deshalb muss man sich selber austricksen, um glaubwürdig zu sein. Denn man muss sich ja einerseits den natürlichen Selbstschutz am Set bewahren und andererseits persönliche Geheimnisse vor der Kamera preisgeben.

Klar kann man alles „perfekt“ machen. Aber das perfekte Bild, das Du gerne von Dir hättest, interessiert keine Sau und berührt niemanden. Als Schauspieler muss man den Mut haben, sich auch in unpässlichen Momenten zu zeigen. In emotionalen Zuständen, die privat niemand anderes sehen dürfte. Susan Batson nennt das den „Private Moment“ – der Moment, der selbst dem Zuschauer peinlich ist, weil er so ehrlich und intim ist. Es geht um die Authentizität der Figur im alltäglichen Leben – so wie Du privat unter Kollegen, Freunden oder mit der Familie wärst. Nur dass am Set eben die 20 Leute dabei sind und es danach vielleicht Millionen sehen

Auf Knopfdruck authentisch zu sein, ohne generisch zu werden, ist nicht einfach. Die Rolle schützt Dich und Deine Wahrheit. Nur muss eben auch die Rolle authentisch sein, damit sie als Schutzschild funktioniert. Und um das zu erreichen, kenne ich eigentlich nur 3 Möglichkeiten:

 

1. Public Persona
Viele Schauspieler sind vor und hinter der Kamera gleich. Sie haben für sich eine Persönlichkeit, eine Public Persona, geschaffen, mit der sie gut fahren und ankommen. Damit sind sie eine „Marke“ und sie „sind halt einfach so“. Damit fällt es leichter, vom Set-Gequatsche auf die Szene umzuschalten. Man surft quasi ständig auf der Rolle, die man auch im Alltag spielt. Die Schauspielkunst solcher Schauspieler liegt darin, sich mit ihrer Vorstellungskraft in unterschiedliche Szenarien hineinzuversetzen, mit „What if?“. Spielen tun sie immer nur sich selbst, bzw. die Rolle, die sie sich für ihr Leben ausgesucht haben. Für diese Herangehensweise ist die Lehre von Ivana Chubbuck besonders hilfreich – was will ich erreichen? Was ist meine Objective? Wozu möchte ich mein Gegenüber manipulieren? Ich habe grossen Respekt vor solchen Schauspielern, denn sie haben sich eine Public Persona kreiert und kennen sich und diese Rolle so gut, dass sie sie jederzeit abrufen können und dabei authentisch sind. Solche Schauspieler beobachten sich ständig selbst in ihrem privaten Leben und können diese Erkenntnisse wunderbar vor die Kamera transponieren. Der Nachteil dieser Herangehensweise ist, dass solche Schauspieler vor der Kamera selten überraschend sind, da sie sich immer innerhalb ihrer Public Persona bewegen. Und sie zahlen den hohen Preis, dass sie nie wirklich privat sind, sondern auch im Privatleben immer eine Rolle spielen.

 

2. „Von innen nach aussen“

Diese Herangehensweise entspricht sehr dem frühen Stanislavski, Lee Strasberg, Uta Hagen und Susan Batson. Ähnlich wie bei der Public Persona geht der Schauspieler hier von sich aus. Nur geht hier die Selbstforschung über die Grenzen einer Public Persona hinaus. Weiter in die Tiefe und in die Vergangenheit – „Wann und mit wem und wo habe ich so etwas schon einmal erlebt?“ (Es reicht übrigens schon ein Schluck Kaffee um zu wissen, wie eine ganze Kanne schmeckt – man muss in einer Rolle als  Mörder also niemanden umgebracht haben.) Hier benutzt man die Techniken, also Parameter wie Emotional Memory, Personalisations und einen Place. Je genauer und spezifischer man sich in diese erlebten Situationen zurückversetzt, desto authentischer wird das Spiel. Dank dieser Parameter ist es auch jederzeit wiederholbar. Das erfordert Vorarbeit für den Dreh – die Parameter müssen passend ausgewählt und verinnerlicht werden. Die Haltung und das Verhalten (also die Szenen-actions) müssen in der Probe zuhause angespielt werden. Der Text wird durch Subtexte vertieft. Je exakter diese Vorarbeit und Übung ist, desto spezifischer und authentischer wird das Spiel und umso flexibler und unabhängiger wird man von Spielpartnern und den Umständen am Set. Der Nachteil ist, dass man – vor allem bei unangenehmen Erinnerungen –  retraumatisiert wird und alte, unangenehme emotionale Zustände wieder hochkommen. Wenn man sie im Spiel auflösen kann, ist das ungefährlich. Aber nicht jedes Drehbuch oder jede Rolle lässt das zu. Deswegen ist es sehr wichtig, Psychohygiene zu betreiben und sich aus diesen Zuständen wieder bewusst rauszuholen.

 

3. „Von aussen nach innen“

Statt sich auf seine eigenen Gefühle oder auf eine ähnliche, selbst erlebte Geschichte zu konzentrieren, kann man sich seine Rolle auch von aussen ansehen:

Welchen sozio-ökonomischen Hintergrund hat diese Figur? Welche Haltung? Welche Sprechweise? Was für eine Kleidung? Was für einen Alltag? Man recherchiert kleinste Details der Figur und diese Informationen geben Dir klare Leitlinien, wie diese Figur agiert. Wenn Du alles über die Rolle weisst, dann gibt es auch nur noch eine Option, wie diese Figur handelt und die ist immer authentisch. Oder wie Meryl Streep sagte: „Ich denke jeden Gedanken der Figur durch, dann ist der Weg frei für die Intuition.“ Ein weiteres Beispiel dafür ist Stella Adlers Schüler Marlon Brando, der zig Rollen vom Proll Stanley Kowalski über Napoleon bis hin zum Paten gespielt hat. Und trotzdem war er immer Marlon! Durch seine Recherche und Übungen für die Rolle war er immer absolut authentisch und erfüllte die Rolle dann mit seiner Lebendigkeit. Authentizität wird quasi ein Nebeneffekt. Darauf haben sich der späte Stanislavski, Meyerhold und Stella Adler spezialisiert. Auch ich habe – wie jeder Coach der etwas auf sich hält – eine eigene Technik entwickelt, die Avatar-Technik. Danach wird die Rolle bis in kleinste Details visualisiert und dann schlüpft man faktisch in diese Rolle wie in einen Avatar. Man belebt diesen Avatar mit der eigenen Lebendigkeit.

Wenn man über das „von aussen nach innen“ seine Rolle wirklich kennt, dann kann man nur das tun, was die Rolle tun würde – und das ist immer authentisch. Die Rolle führt Dich und nicht Dein Ego die Rolle. Der Nachteil dieser Technik ist natürlich viel Arbeit. Ein Coach sollte Dir möglichst viel von dieser Arbeit abnehmen.

Diese 3 Wege sind ein Garant für Authentizität. Natürlich kann eine Rolle auch ein Konglomerat verschiedener Herangehensweisen sein. Man spielt ja moment-by-moment und für jeden Moment gibt es den für Dich am besten geeigneten Zugang zur Authentizität. Man muss nur konsequent sein. Wischi-Waschi-Arbeit ergibt auch Wischi-Waschi-Ergebnisse. Für viele Produktionen mag das reichen, befriedigend ist das allerdings nicht. Wenn Du spielst, dass Du die Figur bist, dann bist Du die Figur nicht. Dann bist Du nicht authentisch, sondern ein Schauspieler, der einen Schauspieler spielt. Diese 3 Wege sind aber die Einstiegspforten dafür, dass Du Dich selber so gut manipulieren kannst, dass Du die Rolle nicht vorführst, sondern die Figur in diesem Moment bist.

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