Die Diskriminierung schwuler Schauspieler

Erschienen im Bffs-Schauspiegel 1/19

Foto: Max Rhyser

Niemals einen Schwulen für eine schwule Rolle besetzen
von Matthias Beier

Es ist eine Tatsache, dass schwule Schauspieler eine diskriminierte Minderheit sind. Diese
Diskriminierung war einer der Gründe, warum ich mich als Schauspieler zurückgezogen habe.

Film und vor allem Fernsehen bilden die Gesellschaft ab. Deshalb frage ich mich, in was für einer
Gesellschaft wir in Deutschland leben. Denn diese Gesellschaft ist unser Publikum. Da ich
optimistisch bin, würde ich behaupten, dass wir in einer positiv-dynamischen Zeit des Übergangs
vom Patriarchat ins Matriarchat leben. Noch haben wir nicht die völlige Gleichstellung von Mann
und Frau erreicht, aber trotz reaktionärer Kräfte glaube ich, dass dieser Wandel nicht aufzuhalten
ist. Aber egal ob Patriarchat, Matriarchat oder Gleichberechtigung – wir leben in einer
heteronormativen Gesellschaft. Das heisst, Heterosexualität gilt als die soziale Norm und
Homosexualität wird zwar weitgehend geduldet, aber eben nicht vollends für gut befunden.

Warum ist das so? Unsere westlichen Werte basieren auf dem Christentum. Im Alten Testament ist
Homosexualität eine Sünde und darauf stand die Todesstrafe. Wir befinden uns in einer Zeit des
Wandels und dieser macht selbst vor den Kirchen nicht halt: Papst Franziskus entschuldigte sich
für die Diskriminierung Homosexueller, die evangelische Kirche spricht ihre liberale Haltung und
Segnung gleichgeschlechtlicher Paare aus. Aber der Stachel der jahrtausendelangen
Stigmatisierung sitzt tief im allgemeinen Unterbewusstsein. Das nenne ich Homophobie. Noch
2017 stimmten Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer gegen die „Ehe für alle“ unter
Berufung auf das christliche „C“ der CDU. Die Abgeordneten der SPD, Linken und Bündnis 90/Die
Grünen stimmten geschlossen dafür.

Mein schwuler Spielpartner war das Gegenteil meines Beuteschemas und es wäre mir leichter
gefallen, eine Frau zu küssen.

Die Homophobie steckt also unbewusst oder sogar bewusst immer noch tief in unserer
Gesellschaft – unserem Publikum. Deswegen verstehe ich zwar die Entscheidungen von
Caster*innen, Regisseur*innen, Redakteur*innen, Produzent*innen und auch Kolleg*innen, aber
ich respektiere sie nicht.

Das grundsätzliche Misstrauen und die damit verbundenen Vorurteile der Menschen in unserer
Branche sind die eine Sache. Das Absprechen der Eignung offen schwuler Schauspieler für
heterosexuelle Rollen ist aber eine ganz andere:

Erstens unterschätzen vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Zuschauer – kein Wunder,
dass die Jugend zu Streamingdiensten abwandert. Dort spielt die private sexuelle Orientierung
keine Rolle. Und haben die Öffentlich-Rechtlichen keinen Bildungsauftrag? Und zwar nicht mit
klischeehaften schwulen Rollen, sondern mit offen schwulen Schauspielern in heterosexuellen
Rollen?

Ich bereue meine Lüge, weil ich Grenzen hätte setzen können, weil ich ehrlich zu mir selbst
gestanden wäre, weil ich noch mehr jungen schwulen Männern und vor allem Kollegen ein Vorbild
hätte sein können und weil ich gegen Diskriminierung gehandelt hätte.

Zweitens ruft mich die Unkenntnis der Kunst des Schauspiels innerhalb der Branche als Coach auf
die Barrikaden: Spätestens seit der Einführung des Handwerks der „sexual chemistry“ durch die
internationale Schauspiel-Koryphäe Ivana Chubbuck kann ein guter Schauspieler eine
Liebesszene mit einer Mülltonne spielen! Die Frage ist also nicht die sexuelle Orientierung eines
Schauspielers, sondern ob er ein guter Schauspieler ist. Ergo sind die ungeouteten, schwulen
Schauspieler verdammt gute Schauspieler. Warum trauen sich diese verdammt guten
Schauspieler nicht, sich zu outen? Es wird ihnen wegen der Fans, der Quote, des Ticketverkaufs
abgeraten – also letztlich für den Profit der Branche. Diese Fahrt auf Sicht ist allerdings wenig
visionär: Das Publikum von morgen, ist mit dem Internet aufgewachsen und weiß besser mit
Homosexualität umzugehen als seine Eltern. Ich habe als schwuler Junge auch für
Schauspielerinnen geschwärmt – einfach, weil sie gut waren und toll aussahen. Warum sollte es
dem heterosexuellen Teenie-Mädchen mit schwulen Schauspielern anders gehen?

Egal, ob schwul oder nicht-schwul: Schauspieler*innen lösen in ihren Rollen gesellschaftliche
Konflikte als „Rollenbilder“ auf. Als öffentliche Person schenken sie den Menschen Bewusst-Sein
und sind ein Vorbild dafür, wie man ein Leben leben kann. Und das verfolgen 10, 100, 1000, 100
000, 1 000 000 Menschen. Schauspieler*innen sind eine Projektionsfläche und Vorbild zugleich.

Wir Schwulen sind eine nicht reproduktive Gruppe der Bevölkerung. Die vedischen Sanskrit-
Schriften weisen dieser Bevölkerungsgruppe besondere Aufgaben zu – ihnen wurde grundlegende
Nähe zu künstlerischen und spirituellen Tätigkeiten nachgesagt. Sie waren Gäste an Höfen und in
Palästen und wurden zur Unterhaltung oder für Lehrtätigkeiten eingestellt. Ist das nicht, was
Schauspieler*innen ausmacht? Vielleicht sollten wir ein bisschen über das Christentum hinaus
schauen: Die vedische Kultur bestand ausdrücklich auf das Vorhandensein von Nicht-
Heterosexualität. Das traditionelle indische Recht verurteilt bis heute Ehebruch bei
Heterosexuellen wesentlich strenger als sexuelle Vergehen unter Homosexuellen. Da zitiere ich
gerne meinen englischen Coach-Kollegen Giles Foreman in Bezug auf heterosexuelle, männliche
Schauspieler: „I pitty them, because they have less fun!“ Oder sinngemäß mit den Worten des
tibetischen Meditationslehrers Chögyam Trungpa zum Thema Homosexualität: „Es geht zwischen
Menschen nicht um die Form ihres Körpers, sondern um die Form ihrer Beziehung.“ Oder – weil
wir ja Deutsche sind – mit Schiller: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts
Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Wie auch immer: Wäre Homosexualität
kein Tabu mehr, wäre die Welt friedlicher und glücklicher.

Der nächste prominente junge schwule Schauspieler zwischen 20 und 40, der sich outet, wird
deutsche Filmgeschichte – wenn er sehr gut ist.

Was können wir konkret gegen die Diskriminierung tun? Ich möchte uns Schwule nicht zu Opfern
machen und um öffentlich geleitete Inklusion bitten. Aber ich rufe jeden Einzelnen auf, sehr
bewusste Entscheidungen zu treffen.

Mir hat mal ein prominenter Klient, den ich gecoacht habe, gesagt, dass er schwulen Kollegen
nicht empfehlen würde, sich zwischen 20 und 40 zu outen. Er hat Recht und er hat Unrecht.

Recht hat er, weil es sicher einfacher ist, mit dem Strom zu schwimmen. Unrecht hat er, denn
welchen Wert hat materieller Erfolg, wenn ich dabei als Künstler meine Authentizität verkaufe? Ich
weiss noch, dass ich, als ich eine durchgehende schwule Serienrolle gespielt habe, in einem
Interview auf die Frage, ob ich selber schwul sei, gelogen habe. Das bereue ich bis heute. Nicht,
weil ich mich nicht in der Produktion geoutet habe – im Gegenteil: Mein schwuler Spielpartner war
das Gegenteil meines Beuteschemas und es wäre mir leichter gefallen, eine Frau zu küssen.
Sondern weil ich in dem Interview einfach hätte sagen sollen. „Darüber möchte ich nicht
sprechen.“ Das ist das Recht eines jeden Schauspielers, nicht über sein Privatleben zu sprechen.
Lustigerweise sagte mir der sehr etablierte und übrigens ebenfalls homosexuelle Caster der mich
für diese schwule Rolle vorschlug, er „würde niemals einen Schwulen für eine schwule Rolle
besetzen“. Nun, da hat er sich wohl selbst widersprochen. Ich bereue meine Lüge, weil ich
Grenzen hätte setzen können, weil ich ehrlich zu mir selbst gestanden wäre, weil ich noch mehr
jungen schwulen Männern und vor allem Kollegen ein Vorbild hätte sein können und weil ich gegen
Diskriminierung gehandelt hätte.

Und noch aus einem weiteren Grund hatte mein prominenter Klient Recht: Schauspieler müssen
bezüglich aller Geschlechterrollen versatil sein. Ich erinnere an die Mülltonne. Wenn ein
heterosexueller Mann keine Beziehung zu einem Mann spielen kann oder ein schwuler
Schauspieler keine Beziehung zu einer Frau – dann sind sie einfach schlechte Schauspieler! In der
Außenwirkung muss ein Schauspieler immer zugänglich wirken – für Männer wie für Frauen. Was
er privat für Vorlieben hat, ist seine Sache. Und ob er darüber sprechen will erst recht.

Nun ist die Außenwirkung ja mehr oder weniger intelligent steuerbar. Branchenintern ist das
komplizierter: Während uns entsprechende Caster*innen, Regisseur*innen, Redakteur*innen und
Produzent*innen – egal was sie zu uns sagen – immer hinter vorgehaltener Hand diskreditieren
oder diskriminieren können, passiert das am Set oder auf der Probebühne unmittelbar und
unvermittelt. Es kann uns egal sein, was über uns gesprochen wird, denn was zählt, ist die
Wirkung beim Publikum. Nicht egal darf uns allerdings jegliche Diskriminierung unter Kolleg*innen
sein – und sei sie noch so flapsig oder unterschwellig. Die müssen wir benennen, verurteilen und
unterbinden. Auch wenn sie uns dann als Spaßbremsen bezeichnen, Diskriminierung ist ein
Ausdruck von Macht und von Machtmissbrauch. Daher gilt die Regel: Nur Minderheiten dürfen
Witze über ihre Minderheit machen.

Ich schliesse mit dem Thema „bewusste Entscheidungen“ zum Outing oder nicht: In den Nuller-
Jahren habe ich noch keinem gewünscht, der erste Lemming zu sein. Heute ist das anders, das
Rad der Zeit dreht sich nach vorne. Aber wir wissen alle aus den Geschichtsbüchern, dass sich
das Rad auch zurückdrehen kann. Deswegen müssen wir es am Laufen halten. Jeder Einzelne
von uns auf seine Art. Ich wage es vorauszusagen: Der nächste prominente junge schwule
Schauspieler zwischen 20 und 40, der sich outet, wird deutsche Filmgeschichte – wenn er sehr gut
ist.

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