Der wtf-Blog

Laura´s Erfahrungsbericht zum Workshop N°4

Neugierig und gut gelaunt betrete ich das Studio im Münchner Westend, um an Matthias´ Workshop N°4 teilzunehmen. Drei Tage Coaching, Theorie, Monologe, Arbeit mit einem Caster und vor der Kamera. Das ist alles was ich weiß und auch alles, was ich wissen muss.

Matthias grinst mir bereits entgegen. Es ist nicht das klassische Businessgrinsen, sondern die Augen lachen mit. Kein Wunder – er weiß ja auch, was uns die nächsten drei Tage erwartet, da ist das Grinsen durchaus angemessen. Die Gesichter der anderen Teilnehmer weisen noch die ein oder anderen Kopfkissenspuren auf und ihr erster Kaffee fängt gerade an zu wirken. Matthias weiß Abhilfe: Die erste Übung beruht auf Method Acting nach Susan Batson und beginnt pünktlich mit dem „Circle“.

Zur Musik soll dabei jeder Teilnehmer über die Länge eines Liedes mit Hilfe seines Körpers seinen Emotionen Ausdruck verleihen. Die restlichen Teilnehmer spiegeln diese Bewegungen und symbolisieren dem „Tanzenden“ damit Akzeptanz und erweitern gleichzeitig ihr eigenes Bewegungsspektrum. Es ist sowohl körperlich, als auch geistig eine große Herausforderung für jeden Teilnehmer und macht gleichzeitig unglaublich Spaß.

Barrieren zwischen den Teilnehmern werden schlagartig niedergerissen. Matthias beobachtet und leitet den Verlauf des Circles von Außen – er durchschaut sehr schnell, wer eine Fassade aufrecht erhält und wer sich der Aufgabe ehrlich stellt. Es geht nicht um Performance, sondern um Authentizität. Echtheit. Irgendwie gelingt es Matthias eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle Teilnehmer sicher und angenommen fühlen. Das erleichtert das Loslassen von allgemein gültigen Verhaltensregeln ungemein.

Überhaupt vermittelt Matthias das Gefühl, dass Scham völlig fehl am Platz ist und jede Form des Ausdrucks eine Daseinsberechtigung hat. Und er soll Recht behalten. Nach dem Circle sind alle aus der Puste, aber es macht sich auch ein Gefühl der Befreiung bemerkbar. Der Körper ist auf Betriebstemperatur und Kopf und Seele fühlen sich plötzlich um ein Vielfaches leichter an. Matthias lacht wissend: „Wenn ich könnte, würde ich auch mitmachen – aber einer muss euch ja coachen“.

Der Circle ist ab sofort Vorarbeit für unsere Monologe und die „Emotional Preparation“. Nach dem ersten Circle gibt’s aber erstmal eine kleine Einweisung in die Theorie des Method Actings, „damit wir dieselbe Sprache sprechen“. Die wichtigsten Begriffe werden also geklärt. Schnell zeigt Matthias auf, dass es zwar verschiedene Ansätze gibt (Strasberg, Hagen, Adler, Batson, Chubbuck usw.), die Grundidee bleibt bis auf kleine Abweichungen jedoch meist dieselbe. Eine wichtige Erkenntnis! Es macht Spaß, Matthias zuzuhören. Er ist ein offenes Buch und sich nicht zu schade, persönliche Beispiele zur Erklärung mancher Begriffe zu verwenden.

So hangeln wir uns von der „Public Persona“ zum „Need“, zu den „unbewussten Bedürfnissen“ weiter zum „Mutterkomplex“, zum „Tragic Flaw“ und zum eigentlichen Ziel, der „Super Objective“. Der Zusammenhang zwischen unserem Innenleben und unserem Ausdruck als Schauspieler wird immer klarer. Es wird viel gelacht, erzählt und gefragt. Und Matthias antwortet genau so wie er eben ist: ehrlich und deutlich. Kein Blabla, kein Drumherumgelaber – straight. Er hat eine ganz klare Meinung zu den meisten Themen.

Und die drückt er unmissverständlich aus: Das Wort „Scheiße“ nimmt großen Anteil daran, so aber auch das Wort „großartig“. Es ist erfrischend und angenehm mit einem Menschen zu arbeiten, der sich von den sprachlichen Auflagen unserer Gesellschaft freigemacht hat und dabei trotzdem souverän und intelligent erzählt und lehrt.

Auch bei der Arbeit an dem Monolog, den wir über die nächsten zwei Tage gemeinsam entwickeln und immer wieder vortragen, ist seine konstruktive Kritik unendlich wertvoll und sorgt für den ein oder anderen Lacher. Matthias: „Ich weiß nicht wer dich so verkorkst hat – Dein Coach oder Deine Eltern?!“ oder „Du bist ein guter Typ – so ungeschliffen. Hast du eigentlich überhaupt irgendeine Bildung?“ Aussagen wie diese trifft Matthias mit einem Augenzwinkern und nimmt ihnen damit die Ernsthaftigkeit. Ihm gelingt immer wieder eine zwischenmenschliche Gratwanderung, die daraus besteht, ungeschöntes Feedback zu verteilen und die Teilnehmer trotzdem zu motivieren und zu besseren Leistungen anzutreiben. Es ist eine sehr respektvolle und gleichzeitig zielorientierte Art des Lehrens, die ich persönlich sehr schätze, weil keine Unklarheiten zurück bleiben. Denn Matthias weiss auch, dass es manchmal die grösste Hilfe ist, zu sagen, wenn die Arbeit – nun ja – „Scheisse“ war. „You get what you give“.

Matthias fordert einen deutsch-spanischen Teilnehmer dazu auf, seinen Monolog noch einmal auf Spanisch zu halten. Alle glotzen fragend vor sich hin: Was soll das denn !? Der Teilnehmer beginnt und es wird schnell klar, warum Matthias ihm diese Aufgabe gestellt hat: Plötzlich wird das spanische Temperament Teil des Monologs und erzeugt eine Stimmung, die vorher völlig gefehlt hat. Es benötigt eben Feingefühl, die richtigen Ratschläge zu erteilen. Als der Caster Stephen Sikder am zweiten Tag hinzukommt, merkt man schnell, dass es ihm und Matthias in Bezug auf Schauspiel um dasselbe geht: Die Balance zwischen bewusstem Spiel und Wahrhaftigkeit.

So unterschiedlich die beiden auf den ersten Blick wirken, so vertraut sind sie sich und soviel haben sie gemeinsam: Beide sind top ausgebildete Schauspieler, beide studierten in New York (Stephen bei Uta Hagen, Matthias bei Susan Batson), beide spielen noch immer und beide haben zig Jahre Erfahrung hinter der Kamera. Und beide sind immer konstruktiv in der Arbeit, immer wohlwollend und hilfsbereit gegenüber den Teilnehmern, und haben zu allen Fragen eine Antwort.

Am dritten Tag werden die Monologe im Castingstudio aufgezeichnet. Matthias coacht, organisiert und springt als Anspielpartner ein. Jeder gibt hochkonzentriert sein Bestes – wie haben gar keine Zeit für Extravaganzen.

Am Ende des dritten Tages sitzen wir alle fix und fertig aber auch sehr happy in einem Café und ziehen Fazit. Vielleicht ziehen wir auch gar kein Fazit, sondern futtern einfach nur unseren Kuchen und lachen noch immer über dieselben schlechten Witze, über die wir in den vergangenen 3 Tagen gelacht haben – auch ok. Dass wir viel gelernt haben, muss nicht mehr laut ausgesprochen werden, das wissen wir alle. Aber auch, dass wir Höhepunkte und Niederlagen erlebt haben. Jeder Teilnehmer geht mit neuem Material für sein Showreel nach Hause. Aber vor allem mit neuem Wissen und Erkenntnissen. Und „Wissen heisst Handeln“ – da würde mir selbst Sokrates zustimmen! Matthias sicher auch.